Pflegegrad und Pflegegeld weil die Mutter Fensterputzen nicht mehr bewältigt

Pflegegrad und Pflegegeld weil die Mutter Fensterputzen nicht mehr bewältigt

Wenn die eigene Mutter plötzlich alltägliche Aufgaben wie das Fensterputzen nicht mehr alleine bewältigen kann, stellt sich für viele Angehörige die Frage nach professioneller Unterstützung. Die körperliche oder geistige Einschränkung eines Familienmitglieds bringt nicht nur emotionale Herausforderungen mit sich, sondern wirft auch praktische Fragen auf: welche finanzielle Hilfe steht zur Verfügung, wie wird der Unterstützungsbedarf ermittelt und welche Leistungen können konkret beantragt werden ? Das deutsche Pflegesystem bietet mit dem Pflegegrad-System und verschiedenen Leistungen wie dem Pflegegeld Unterstützung für Betroffene und ihre Familien. Doch der Weg durch den bürokratischen Dschungel ist oft kompliziert und wirft zahlreiche Fragen auf.

Was ist ein Pflegegrad ?

Definition und Zweck des Pflegegrades

Der Pflegegrad ist ein zentrales Element des deutschen Pflegesystems und dient dazu, den individuellen Unterstützungsbedarf einer Person zu bewerten. Seit der Pflegereform wurden die früheren Pflegestufen durch fünf Pflegegrade ersetzt, um eine gerechtere und umfassendere Beurteilung der Pflegebedürftigkeit zu ermöglichen. Diese Neuerung berücksichtigt nicht nur körperliche Einschränkungen, sondern auch kognitive und psychische Beeinträchtigungen, was besonders für Menschen mit Demenz von Bedeutung ist.

Die fünf Pflegegrade im Überblick

Das System unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Pflegegraden, die den Grad der Selbstständigkeit einer Person widerspiegeln:

  • Pflegegrad 1: geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • Pflegegrad 2: erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • Pflegegrad 3: schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • Pflegegrad 4: schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • Pflegegrad 5: schwerste Beeinträchtigung mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung

Je höher der Pflegegrad, desto umfangreicher fallen die Leistungen der Pflegeversicherung aus. Die Einstufung erfolgt durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung nach einem standardisierten Begutachtungsverfahren. Diese systematische Herangehensweise ermöglicht es, den tatsächlichen Hilfebedarf objektiv zu erfassen und entsprechende Unterstützung bereitzustellen.

Bedeutung für Betroffene und Angehörige

Für pflegebedürftige Menschen und ihre Familien ist der Pflegegrad von entscheidender Bedeutung, da er den Zugang zu verschiedenen Leistungen eröffnet. Dazu gehören nicht nur finanzielle Mittel wie das Pflegegeld, sondern auch Sachleistungen wie ambulante Pflegedienste, Tagespflege oder Hilfsmittel. Die Einstufung bildet somit die Grundlage für die Organisation der häuslichen oder stationären Versorgung und entlastet pflegende Angehörige sowohl finanziell als auch organisatorisch. Die Kenntnis über das System und die eigenen Ansprüche ist daher für alle Beteiligten von großer Wichtigkeit, um die bestmögliche Versorgung sicherzustellen.

Nachdem die grundlegende Bedeutung des Pflegegrades geklärt ist, stellt sich die Frage, nach welchen konkreten Maßstäben die Einstufung erfolgt.

Die Kriterien der Einstufung des Pflegegrades

Das neue Begutachtungsassessment

Die Einstufung in einen Pflegegrad erfolgt durch ein strukturiertes Begutachtungsverfahren, das auf dem sogenannten Neuen Begutachtungsassessment basiert. Dieses Instrument bewertet sechs verschiedene Lebensbereiche, die für die Selbstständigkeit einer Person relevant sind. Im Gegensatz zum früheren System, das hauptsächlich den Zeitaufwand für pflegerische Tätigkeiten maß, liegt der Fokus nun auf dem Grad der Selbstständigkeit bei der Durchführung von Aktivitäten und der Gestaltung des Alltags.

Die sechs Bewertungsbereiche

Bei der Begutachtung werden folgende Module mit unterschiedlicher Gewichtung bewertet:

ModulBereichGewichtung
1Mobilität10%
2Kognitive und kommunikative Fähigkeiten15%
3Verhaltensweisen und psychische Problemlagen15%
4Selbstversorgung40%
5Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen20%
6Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte15%

Praktische Beispiele für die Bewertung

Im Bereich Selbstversorgung, der mit 40 Prozent am stärksten gewichtet wird, werden alltägliche Tätigkeiten bewertet wie:

  • Körperpflege: waschen, duschen, Zahnpflege
  • An- und auskleiden
  • Essen und trinken
  • Toilettengang

Wenn die Mutter beispielsweise das Fensterputzen nicht mehr bewältigt, fällt dies unter den Bereich der hauswirtschaftlichen Versorgung, der zur Selbstversorgung gehört. Auch die Fähigkeit, den Haushalt zu führen, Einkäufe zu erledigen oder Mahlzeiten zuzubereiten, wird bei der Begutachtung berücksichtigt. Die Gutachter bewerten dabei nicht nur, ob eine Aktivität überhaupt ausgeführt werden kann, sondern auch, ob sie selbstständig, mit Hilfe oder gar nicht durchgeführt werden kann.

Aus der Summe aller Bewertungen ergibt sich ein Gesamtpunktwert, der die Grundlage für die Einstufung bildet.

Berechnung des Pflegegrades: die zu befolgenden Schritte

Antragstellung bei der Pflegekasse

Der erste Schritt zur Erlangung eines Pflegegrades ist die Antragstellung bei der Pflegekasse. Dies kann formlos erfolgen, entweder telefonisch, schriftlich oder online. Die Pflegekasse ist bei der jeweiligen Krankenkasse angesiedelt. Nach Eingang des Antrags wird ein Termin für die Begutachtung vereinbart. Es empfiehlt sich, bereits bei der Antragstellung möglichst konkret zu beschreiben, in welchen Bereichen Unterstützungsbedarf besteht.

Die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst

Ein Gutachter des Medizinischen Dienstes besucht die antragstellende Person zu Hause und führt eine umfassende Begutachtung durch. Dieser Termin dauert in der Regel zwischen 30 und 60 Minuten. Dabei werden folgende Aspekte geprüft:

  • Körperliche Fähigkeiten und Einschränkungen
  • Kognitive Leistungen und Orientierung
  • Psychische Verfassung
  • Bewältigung von Alltagsaufgaben
  • Soziale Kontakte und Tagesstruktur

Vorbereitung auf den Begutachtungstermin

Eine gute Vorbereitung auf den Termin ist entscheidend für eine realistische Einstufung. Angehörige sollten ein Pflegetagebuch führen, in dem sie über mehrere Wochen dokumentieren, welche Hilfen täglich benötigt werden. Auch ärztliche Befunde, Medikamentenpläne und Berichte von Therapeuten sollten bereitliegen. Es ist wichtig, dass bei der Begutachtung auch Angehörige anwesend sind, die den Alltag und die Einschränkungen aus ihrer Perspektive schildern können.

Die Punkteberechnung und Einstufung

Nach der Begutachtung werden die Punkte aus den verschiedenen Modulen zusammengerechnet. Die Einstufung erfolgt nach folgendem Schema:

PflegegradPunktzahl
Pflegegrad 112,5 bis unter 27 Punkte
Pflegegrad 227 bis unter 47,5 Punkte
Pflegegrad 347,5 bis unter 70 Punkte
Pflegegrad 470 bis unter 90 Punkte
Pflegegrad 590 bis 100 Punkte

Der Bescheid der Pflegekasse erfolgt in der Regel innerhalb von fünf Wochen nach der Begutachtung. Bei Ablehnung oder einer als zu niedrig empfundenen Einstufung besteht die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Mit der Einstufung in einen Pflegegrad werden verschiedene Leistungen zugänglich, darunter auch das Pflegegeld.

Das Pflegegeld verstehen: wie funktioniert es ?

Grundprinzip des Pflegegeldes

Das Pflegegeld ist eine monatliche Geldleistung, die direkt an die pflegebedürftige Person ausgezahlt wird. Es ist für die häusliche Pflege durch Angehörige, Freunde oder Nachbarn vorgesehen und soll als finanzielle Anerkennung für die Pflegepersonen dienen. Im Gegensatz zu Pflegesachleistungen, die für professionelle Pflegedienste bestimmt sind, kann das Pflegegeld frei verwendet werden. Die Höhe richtet sich nach dem zuerkannten Pflegegrad.

Aktuelle Pflegegeldbeträge

Die monatlichen Pflegegeldsätze sind gesetzlich festgelegt:

PflegegradPflegegeld pro Monat
Pflegegrad 10 Euro
Pflegegrad 2332 Euro
Pflegegrad 3573 Euro
Pflegegrad 4765 Euro
Pflegegrad 5947 Euro

Kombinationsleistungen und Flexibilität

Eine besondere Flexibilität bietet die Möglichkeit der Kombinationsleistung. Dabei können Pflegegeld und Pflegesachleistungen kombiniert werden. Wenn beispielsweise ein ambulanter Pflegedienst nur teilweise in Anspruch genommen wird, reduziert sich das Pflegegeld anteilig. Diese Regelung ermöglicht es Familien, professionelle Hilfe mit der Pflege durch Angehörige zu verbinden und so eine optimale Versorgung zu gewährleisten.

Verwendung und Kontrolle

Das Pflegegeld unterliegt keiner Verwendungskontrolle und muss nicht versteuert werden. Es kann frei eingesetzt werden, etwa zur Aufwandsentschädigung für pflegende Angehörige, zur Finanzierung von Haushaltshilfen oder für andere pflegebezogene Ausgaben. Allerdings sind Pflegegeldempfänger verpflichtet, in regelmäßigen Abständen Beratungsbesuche durch einen zugelassenen Pflegedienst durchführen zu lassen, um die Qualität der häuslichen Pflege sicherzustellen. Diese Frage nach der konkreten Verwendung führt direkt zur Überlegung, welche Tätigkeiten durch das Pflegegeld abgedeckt werden können.

Fensterputzen: eine für Pflegegeld förderfähige Tätigkeit ?

Hauswirtschaftliche Versorgung als Teil der Pflege

Die hauswirtschaftliche Versorgung ist ein wesentlicher Bestandteil der Pflegebedürftigkeit und wird bei der Begutachtung berücksichtigt. Dazu gehören Tätigkeiten wie Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen und auch die Reinigung der Wohnung. Das Fensterputzen fällt grundsätzlich in diesen Bereich der haushaltsnahen Tätigkeiten. Wenn die Mutter diese Aufgabe nicht mehr selbstständig bewältigen kann, ist dies ein Indikator für einen Unterstützungsbedarf im häuslichen Umfeld.

Bewertung im Begutachtungsverfahren

Bei der Begutachtung wird die Fähigkeit zur Haushaltsführung im Modul „Selbstversorgung“ bewertet. Dabei werden verschiedene Aspekte berücksichtigt:

  • Kann die Person einfache Aufräumarbeiten durchführen ?
  • Ist sie in der Lage, die Wohnung sauber zu halten ?
  • Können Einkäufe selbstständig erledigt werden ?
  • Gelingt die Zubereitung von Mahlzeiten ?

Das Fensterputzen allein führt zwar nicht automatisch zu einer bestimmten Einstufung, ist aber Teil der Gesamtbetrachtung der hauswirtschaftlichen Fähigkeiten. Wenn diese Einschränkung mit anderen Beeinträchtigungen einhergeht, kann sie zur Anerkennung eines Pflegegrades beitragen.

Verwendung des Pflegegeldes für Haushaltshilfen

Sobald ein Pflegegrad anerkannt ist, kann das Pflegegeld frei verwendet werden, also auch für die Bezahlung einer Haushaltshilfe, die das Fensterputzen übernimmt. Zusätzlich zum Pflegegeld stehen weitere Leistungen zur Verfügung:

  • Entlastungsbetrag von 125 Euro monatlich für Haushaltshilfen
  • Verhinderungspflege für zeitweise Vertretung
  • Kurzzeitpflege bei vorübergehendem erhöhtem Pflegebedarf

Praktische Umsetzung

Für die Finanzierung einer Haushaltshilfe gibt es verschiedene Möglichkeiten. Der Entlastungsbetrag von 125 Euro monatlich kann gezielt für hauswirtschaftliche Unterstützung eingesetzt werden. Dieser muss über zugelassene Dienstleister abgerechnet werden. Alternativ kann das Pflegegeld verwendet werden, um Privatpersonen zu beschäftigen oder Nachbarschaftshilfe zu entlohnen. Wichtig ist, dass die pflegebedürftige Person oder ihre Angehörigen die verschiedenen Leistungen kennen und optimal kombinieren, um die bestmögliche Unterstützung im Haushalt zu erreichen. Die Organisation dieser Hilfen kann für Angehörige herausfordernd sein, weshalb externe Unterstützung oft hilfreich ist.

Hilfe und Ressourcen für pflegende Angehörige

Beratungsangebote nutzen

Pflegende Angehörige stehen vor vielfältigen Herausforderungen und sollten die zahlreichen Beratungsangebote in Anspruch nehmen. Pflegestützpunkte bieten kostenlose und unabhängige Beratung zu allen Fragen rund um Pflege, Pflegegrad und Leistungen. Auch die Pflegekassen sind verpflichtet, Beratung anzubieten. Viele Kommunen haben zudem Seniorenberatungsstellen eingerichtet, die bei der Organisation der häuslichen Versorgung unterstützen.

Finanzielle Entlastung für Angehörige

Neben dem Pflegegeld existieren weitere finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige:

  • Rentenversicherungsbeiträge werden von der Pflegekasse übernommen
  • Unfallversicherungsschutz während der Pflegetätigkeit
  • Pflegeunterstützungsgeld bei akuten Pflegesituationen
  • Pflegezeit und Familienpflegezeit zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

Entlastungsangebote im Alltag

Zur Vermeidung von Überlastung sollten pflegende Angehörige Entlastungsangebote aktiv nutzen. Dazu gehören Tagespflegeeinrichtungen, die stundenweise Betreuung bieten, sowie Kurzzeitpflegeeinrichtungen für temporäre Aufenthalte. Auch ehrenamtliche Besuchsdienste und Selbsthilfegruppen können wertvolle Unterstützung bieten. Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft oft, die eigene Situation besser einzuordnen und praktische Tipps für den Pflegealltag zu erhalten.

Digitale Hilfsmittel und Informationsquellen

Moderne Technologien können den Pflegealltag erleichtern. Online-Portale bieten umfassende Informationen zu Pflegeleistungen, Formulare zum Download und Pflegegrad-Rechner. Apps helfen bei der Organisation von Medikamentenplänen, Terminen und der Kommunikation mit Ärzten. Auch telemedizinische Angebote gewinnen an Bedeutung und können gerade in ländlichen Regionen die Versorgung verbessern. Die Nutzung dieser Ressourcen trägt dazu bei, dass pflegende Angehörige ihre wichtige Aufgabe langfristig bewältigen können, ohne selbst gesundheitliche Einbußen zu erleiden.

Die Feststellung, dass die Mutter alltägliche Tätigkeiten wie das Fensterputzen nicht mehr bewältigen kann, ist oft der Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit dem Thema Pflegebedürftigkeit. Das System der Pflegegrade bietet einen strukturierten Rahmen zur Bewertung des Hilfebedarfs und ermöglicht den Zugang zu verschiedenen Leistungen. Das Pflegegeld als zentrale finanzielle Unterstützung kann flexibel eingesetzt werden, auch für hauswirtschaftliche Hilfen. Entscheidend ist, dass Betroffene und Angehörige frühzeitig einen Antrag stellen, sich gut auf die Begutachtung vorbereiten und die vielfältigen Beratungs- und Unterstützungsangebote nutzen. Die Kombination aus finanziellen Leistungen, professioneller Hilfe und Entlastungsangeboten ermöglicht es, die Pflege zu Hause zu organisieren und pflegende Angehörige nachhaltig zu unterstützen.

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